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Stratfor-Chef Friedmann über Geopolitik der VSA

16. März 2015

Text zum Youtube-Film: „4 Februar 2015. Der Gründer und Vorsitzende des führenden privaten US-amerikanischen Think Tank STRATFOR (Abkürzung für Stategic Forecasting Inc.) George Friedman in einem Vortrag für The Chicago Council on Global Affairs über die geopolitischen Hintergründe der gegenwärtigen Ukraine-Krise und globalen Situation insgesamt. Ausschnitte.“

Länge: 12:52 Min.

Um das Video aufzurufen, bitte hier klicken

Ein paar Ausschnitte aus Friedmanns Vortrag:

Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland.
Weil vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann.
Unser Hauptinteresse galt sicherzustellen, daß dieser Fall nicht eintritt.

.. Schnitt ..

Wenn Sie ein Ukrainer sind, werden Sie die Ausschau danach halten, wer ihnen als Einzige helfen kann – und das sind die Vereinigten Staaten.

Letze Woche, oder etwa vor 10 Tagen war der Oberbefehlshaber der amerikanischen Bodentruppen in Europa General Ben Hodges zu Besuch in der Ukraine.
Er kündigte dort an, daß die US-Militärberater in die Ukraine demnächst offiziell kommen sollen.
Eigentlich hat er dort die Medaillen an die ukrainischen Kämpfer verteilt, was das militärische US-Protokoll verbietet, daß die Medaillen an Ausländer verliehen werden. Doch er tat das, weil er damit zeigen wollte, daß ukrainische Armee seine Armee ist.
Dann ging er weg.

Und die Vereinigten Staaten liefern baltischen Staaten Waffen, Artillerie und andere Militärausrüstung – die baltischen Staaten, Rumänien, Polen und Bulgarien – das ist ein interessanter Punkt.
Und gestern haben die Vereinigten Staaten angekündigt, daß sie vorhaben, die Waffen in die Ukraine zu liefern, das wurde dementiert, aber sie tun das, die Waffen werden geliefert.

Und bei allen diesen Handlungen agieren die Vereinigten Staaten außerhalb der NATO.
Weil die NATO-Entscheidungen müssen von allen NATO-Mitgliedern einstimmig getroffen werden.
Der Punkt bei der ganzen Sache ist, daß die USA ein „Cordon Sanitaire“, ein Sicherheitsgürtel um Russland aufbauen. Und Russland weiß es.
Russland glaubt, die USA beabsichtigen die Russische Förderration zu zerschlagen.
Ich denke, wir wollen sie nicht töten, sondern nur etwas verletzen bzw. Schaden zufügen.
Jedenfalls sind wir jetzt zurück zum alten Spiel. Und wenn Sie einen Polen, Ungarn oder Rumänen fragen, sie leben in einer ganz anderen Welt als die Deutschen, und die Deutschen leben in einer ganz anderen Welt als die Spanier, also es herrscht Uneinigkeit in Europa.
Aber was die Ukrainer bevorzugen werden, das werde ich Ihnen genau sagen:
Sie werden versuchen, das Zischen seitens der USA zu vermeiden.

.. Schnitt ..

Die Vereinigten Staaten aus ihrem fundamentalen Interesse kontrollieren alle Ozeane der Welt. Keine andere Macht hat das jemals getan.
Aus diesem Grunde intervenieren wir weltweit bei den Völkern, aber sie können uns nicht angreifen. Das ist eine schöne Sache.
Die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Ozeane und im Weltall begründet unsere Macht. Der beste Weg die feindliche Flotte zu besiegen ist zu verhindern, daß diese gebaut wird.
Der Weg, den die Briten gegangen sind, um sicherzustellen, daß keine europäische Macht die Flotte bauen konnte, ist, daß die Europäer einander bekämpften.
Die Politik, die ich empfehlen würde, ist die, die Ronald Reagan angewendet hat, in Iran und Irak.
Er unterstütze beide Kriegsseiten, so daß sie gegen einander kämpften (Iran-Irak-Krieg 1980-88) und nicht gegen uns.
Es war zynisch, es war nicht moralisch vertretbar, aber es funktionierte.

Und das ist der Punkt: die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage ganz Eurasien zu okkupieren. In dem Moment, wo unsere Stiefel den Boden berühren, sind wir demographisch zahlenmäßig unterlegen.
Wir können eine Armee zerschlagen, aber wir sind nicht in der Lage Irak zu besetzen.
Die Idee, daß 130.000 Soldaten starke US-Armee würde ein Land mit 25 Millionen Menschen Bevölkerung okkupieren ..
Das Verhältnis zwischen Anzahl der Polizisten und der Einwohner von New York ist größer als das Verhältnis von US-Soldaten und irakischer Bevölkerung war
Also, wir sind nicht in der Lage, überall militärisch zu intervenieren, aber wir sind in der Lage, erstens, die gegeneinander kämpfenden Mächte zu unterstützen, damit sie sich auf sich selbst konzentrieren können.
Sie unterstützen, politisch, finanziell, militärisch, Waffen liefern, und die US-Berater aussenden.
Und in außerordentlichen Fällen, wie wir in Japan vorgegangen sind, nein, in Vietnam, Irak und in Afghanistan mit Präventivschlägen („spoiling attacks“) intervenieren.
Die Taktik der Präventivschläge beabsichtigt nicht den Feind zu besiegen, sondern sie verfolgt das Ziel den Feind aus der Balance zu bringen.
Das versuchen wir in jedem Krieg, wie z.B. in Afghanistan brachten wir die Al Quaida aus der Balance.

Das Problem, das wir haben, seit wir so jung und dumm sind, ist, daß wir die Feinde aus der Balance bringen, anstatt zu sagen, „wir haben den Job gut gemacht, lasst uns nach Hause gehen“, sagen wir: „Mann, das war aber leicht, lasst uns hier noch eine Demokratie aufbauen.“
Das war der Moment unserer Geistesschwäche, von der wir befallen wurden.
Deswegen, die Antwort darauf lautet, die USA können nicht überall in Eurasien militärisch intervenieren. Man muss selektiv intervenieren und möglichst selten.
Eine militärische Intervention stellt für uns einen Sonderfall dar, die letzte Möglichkeit, wir können nicht schon im ersten Schritt die US-Truppen aussenden.
Aber wenn wir die US-Truppen schicken, dann, und das haben wir schon aus Erfahrung klar verstanden, muss die Intervention eingeschränkt erfolgen, und nicht gigantische Ausmaße erreichen.
Hoffentlich haben wir das für dieses Mal verstanden, gewöhnlich dauert es eine Weile, wenn die im Unterricht lernen.
Aber Sie haben absolut Recht, wir als ein Imperium können das (überall intervenieren) nicht tun. Die Briten haben Indien nicht okkupiert, sie haben einfach die einzelnen Staaten Indiens genommen und ließen sie gegeneinander kämpfen.
Die Briten haben britische Offiziere bei der indischen Armee installiert.
Die alten Römer haben auch keine Truppen in entlegene Regionen außerhalb des Römischen Imperiums entsandt, sondern sie haben prorömische Könige dort eingesetzt.
Diese Könige wurden durch Rom eingesetzt, die im Dienste für das römische Imperium in anderen Ländern regierten, und diese Könige waren verantwortlich für die Aufrechterhaltung des (prorömischen) Friedens an den Grenzen (des Imperiums).
So war es z.B. bei dem Parther-Reich.

Also, die Imperien, welche versuchen direkt in okkupierten Gebieten zu regieren, solche Imperien scheitern, wie es mit dem Nazi-Imperium der Fall war. Weil niemand hat so viel Macht, um direkt zu regieren.
Da muß man schon klug vorgehen.
Wie auch immer, unser Problem jetzt ist nicht das, sondern das bedeutet eigentlich, daß wir ein Imperium als solches sind.
Wir sollten aber deswegen nicht denken, daß wir uns entspannen können, nach Hause gehen und über nichts mehr Sorgen machen. Wir sind erst etwa im dritten Kapitel des Buches.

Moderator Nick Brand: Bitte die nächste Frage.

Frage: Ich habe Sie so verstanden, daß die europäische Währung Euro nicht überleben wird ..?

.. Schnitt ..

Die Frage, die jetzt für die Russen auf dem Tisch ist, ist, ob man die Ukraine als eine Pufferzone zwischen Russland und dem Westen haben will, die wenigstens neutral bleiben wird, oder wird der Westen soweit in die Ukraine vordringen, daß der Westen (NATO) nur 100 Kilometer von Stalingrad und 500 Kilometer von Moskau entfernt sein wird.
Für Russland stellt der Staus der Ukraine eine existenzielle Frage dar.
Und die Russen können bei dieser Frage nicht einfach so weg gehen, loslassen.
Für die USA gilt, wenn Russland sich an der Ukraine weiterhin hängt, wir werden Russland stoppen.
Deswegen starten die USA solche Maßnahmen, wie über sie kürzlich General Hodges, der für Blamagen bekannt ist, gesprochen hat, und zwar über Eingreiftruppen in Rumänien, Bulgarien, Polen und baltische Staaten.
Damit begründet man das Intermarum („Zwischenmeer-Land“), das Territorium zwischen dem Schwarzen Meer und dem Ostsee, dieses Konzept arbeitete Pilsudski aus.
Und das ist die von der USA bevorzugte Lösung.

Und die Sache, worauf wir keine Antwort parat haben, ist die Frage, was wird Deutschland in dieser Situation unternehmen.
Die reale unbekannte Variable in Europa sind die Deutschen, wenn die USA diesen Sicherheitsgürtel aufbauen, nicht in der Ukraine, sondern zu dem Westen, und der Einfluss der Russen in der Ukraine wird schwinden – wir wissen nicht, wie deutsche Haltung ausfallen wird.

Deutschland befindet sich in einer sehr eigenartigen Lage.
Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder ist im Aufsichtsrat von Gazprom.
Die Deutschen haben ein sehr komplexes Verhältnis zu den Russen.
Die Deutschen wissen selbst nicht, was sie tun sollen.
Sie müssen ihre Waren exportieren, die Russen können ihnen die Waren abnehmen.
Andererseits verlieren sie Freihandelszone, die sie brauchen, um andere Sachen aufzubauen.
Für die Vereinigten Staaten ist das Hauptziel, daß russisches Kapital, russische Technologien .., ich meine, deutsches Kapital und deutsche Technologien, und die russischen Rohstoff-Ressourcen und die russische Arbeitskraft sich zu einer einzigartigen Kombination verbinden, die die USA seit einem Jahrhundert zu verhindern suchen.

Also, wie kann man das erreichen, daß diese (deutsch-russische) Kombination verhindert wird?
Die USA sind bereit, mit ihrer Karte diese Kombination zu schlagen: das ist die Linie zwischen dem Baltikum und Schwarzem Meer.

Im Video (nicht auf der Veranstaltung!) folgt eine Karte von Zentraleuropa.
Diese zeigt mit roten Kreisen Deutschland und Russland an, sowie einen gelb markierten Korridor von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Folgender Text ist diesem Korridor zugeordnet: USA bauen einen Gürtel aus antirussischen Staaten auf, um Deutschland und Russland von einander abzuschneiden/ bzw. zu schwächen.

George Friedman:

Für die Russen ist die entscheidende Frage, daß die Ukraine ein neutrales Land wird, ken prowestliches.
Weißrussland ist hier eine andere Frage.
Nun, wer mir eine Antwort darauf geben kann, was die Deutschen in dieser Situation tun werden, der kann mir auch sagen, wie die nächsten 20 Jahre Geschichte aussehen werden.
Aber unglücklicherweise müssen die Deutschen immer wieder eine Entscheidung treffen, Und das ist das ewige Problem Deutschlands.
Deutschland ist wirtschaftlich enorm mächtig, aber gleichzeitig geopolitisch sehr zerbrechlich, und sie wissen niemals, wie und wo sie die Export verkaufen können.
Seit 1871 – das war immer „Die deutsche Frage“.
Und die Frage Europas.
Denken Sie über die „Die deutsche Frage“ nach, welche jetzt wieder mal aufkommt.
Das ist die nächste Frage, die wir stellen müssen, was wir aber nicht tun, weil wir nicht wissen, was die Deutschen tun werden.

Moderator Nick Brand schließt den Auftritt von George Friedman u.a. mit der Bemerkung ab, daß leider keine Zeit mehr sei.

Text im Abspann

Danke an Nereus aus dem gelben Forum fürs Aufschreiben

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One Comment leave one →
  1. 21. März 2015 03:04

    Hat dies auf kantodeaschrift rebloggt.

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