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Günter Grass gestorben

14. April 2015

Natürlich denken wohl viele bei der Nachricht über seinen Tod an seine Nazi-Vergangenheit, die er verschwiegen hat, um sich als Protagonist des neuen Deutschland nicht zu disqualifizieren. Das mag nicht in Ordnung gewesen sein, andererseits sehen wir halt, wie gefährlich eine solche Vergangenheit war. Einen Nobelpreis oder andere Ehrungen bekommt man dann nicht mehr.

Obwohl keiner behaupten würde, daß man einem damals 16jährigen aus seinem Verhalten einen Vorwurf machen kann. Die übliche Verlogenheit der Welt, der Grass sich eben auch unterworfen hat.

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Für mich starb wieder ein Teil des alten Deutschland. Grass repräsentiert eine Zeit, als unser Land noch eine kulturelle Bedeutung hatte. Und er hatte sogar namhafte literarische Gegenspieler, einen Ernst Jünger, Walter Kempowski oder Joachim Fernau. Alles weg.

.

Ich kenne die aktuelle deutsche Literatur nicht, bin mir aber sicher, daß es auch hier sehr gute Autoren gibt. Aber die Szene existiert nicht mehr.

Das Publikum erkundet nach Anweisung des Feuilletons lieber die Feuchtgebiete zwischen den Beinen von Frau Roche.

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Hätte ich Herrn Grass einmal getroffen, hätte ich ihn wohl nicht auf die SS-Geschichte angesprochen, weil mich etwas anderes mehr interessiert hätte: Was mag der alte Mitkämpfer von Willy Brandt wohl empfunden haben, wenn er seine SPD im heutigen Zustand sah? Und warum ist da nichts gekommen?

Dieses Gedicht aus dem Jahre 2012 war aber mutig und das er sich dafür viel Prügel eingehandelt hat, was er sicher voraussah, spricht immerhin für ihn:

Was gesagt werden muss

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

7 Kommentare leave one →
  1. ZustandsForscher permalink
    14. April 2015 13:27

    Einen Nobelpreis oder andere Ehrungen bekommt man dann nicht mehr. Obwohl keiner behaupten würde, daß man einem damals 16jährigen aus seinem Verhalten einen Vorwurf machen kann.

    Wozu sollen diese ständig wiederholten posthumen Verteuflungen gegenüber den Nationalsozialisten gut sein ? Meinem Empfinden nach, wäre es schon höchst an der Zeit, all den Akteuren des Dritten Reiches, welche viele von uns sowieso nichtmal persönlich kannten, ein Ruhen in Frieden zu ermöglichen.

    Merke: Ein nach Gerechtigkeit strebender und mit sich selbst im Einklang befindlicher Mensch kann vergeben, und wird vergeben, noch dazu einem längst Verstorbenen, nach Abbüßung etwaiger Strafen. Nur die von Hass schon zerfressenen Rachsüchtigen Individuen verzeihen NIE, dass ist jedoch deren Problem.

    P.S.: Karl Marxx war ein Idealist. Adolf Hitler war ein Idealist. Karl Marxx scheiterte, weil er bis zuletzt nicht wusste was eigentlich Sozialismus ist. Und: Wäre Adolf Hitler wenigstens ein wenig Materialist gewesen, so hätte auch er vorhersehen können, dass der NationalSozialismus direkt und unweigerlich in eine Sackgasse und somit in die Isolation führt. that’s the way it is !!!

    …. (Hetze wird hier zensiert, J.R., absurd ist es noch dazu, such Dir eine andere Spielwiese für Deine Spinnereien)

    • 14. April 2015 14:02

      Adolfo als Idealist? Ich muß lachen.
      Der feine Herr war zu geizig, Steuern zu zahlen. Mit den Tantiemen von „Mein Kampf“, das zwangsweise z.B. allen Brautleuten „geschenkt“ wurde oder mit seinen Tantiemen auf die Briefmarken mit seinem Portrait hat er sich reich gemacht.
      Aufstehen erst mittags, am Abend endlose Schwafelmonologe, das Arbeiten hat er jedenfalls auch nicht erfunden. Außer Arschkriechern und Jasagern duldete er keine Personen um sich herum.
      Und dann war er noch das selbsternannte Genie, vom Schicksal gesandt…. Größenwahn läßt grüßen.
      Die dämliche Verteufelung heutiger Tage sollte man nicht mit dem Gegenteil bekämpfen. Hier gilt – wie fast immer – daß die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt.

  2. Karl Eduard permalink
    14. April 2015 15:05

    Grass lebte im anderen Teil Deutschlands. Unsereiner hat Strittmatter gelesen.

    • 14. April 2015 22:12

      Gelesen habe ich ihn auch nicht. Wenn ich ihn als Kind im Fernsehen sah, erinnerte er mich mit seinem Riesenschnautzer immer an Stalin und/oder Peppone. Ich gebe zu, der Vergleich ist völlig ungerecht, aber in meinem Bekanntenkreis ist er ähnlich beliebt wie Michel Friedmann.
      Man greift nicht zu Büchern von Personen, die man via Fernsehen als unsympathisch erlebt hat.

  3. ZustandsForscher permalink
    14. April 2015 21:03

    @ Blockwart

    …. (Hetze wird hier zensiert, J.R., absurd ist es noch dazu, such Dir eine andere Spielwiese für Deine Spinnereien)

    Wenn Du den Fakt, dass eben beide SozialKerkersysteme von … Zensur J.R….. erdacht wurden, als Hetze bezeichnest, dann ist zwischen uns eigentlich alles besprochen. So wie Du nämlich meine Ausführungen, aus Unwissenheit heraus, ignorierst, so ignorierten beide Systeme, sowohl der NationalSozialismus als auch der Marxismus quasi per Gesetz unumgänglich die wirklichen Bedürfnisse der Menschen.

    Jetzt wo ich, dank Deiner freundlichen Mithilfe, 100 %ig weiß, wo Du vom geistigen Niveau her stehen geblieben bist und vor allem, was Deine wahre Appetition ist, diesen Blog zu führen, sehe auch ich keine Notwendigkeit mehr, hier im Heerlager der Scheinheiligkeit zu kommentieren.

    Behüte Euch trotzdem der Liebe Gott !!!

    • 14. April 2015 22:27

      Was Du über dies und jenes denkst, das kannst Du mir gerne beim Bier erläutern und glaube mir, egal was Du vertrittst, ich bin relativ schmerzfrei.
      Dieser Blog aber, so unbedeutend er ist, ist öffentlicher Raum und da gelten eben andere Regeln. Und wenn Du das nicht einsehen willst, kann ich auch nichts dafür.

      • Hildesvin permalink
        14. April 2015 23:34

        Die Gretchenfrage leicht verfremdet, und der Reim ist natürlich hin (und das Versmaß: … den Schmuck, für Gretchen angeschafft, hat eine Pfäffin hinweggerafft…): Wie hast du’s mit dem Hohlen Graus? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst sehr viel davon! …..
        – Das ist nicht recht, man muß dran glauben!

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