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„SS-Buchhalter bittet um Vergebung“

21. April 2015

so die FAZ über den ersten Tag des Verfahrens gegen den ehemaligen SS-Angehörigen und Auschwitz-Beschäftigten Gröning.

Dieser Mann hat sich nach Jahrzehnten selbst an die Öffentlichkeit gewandt, z.B. im Spiegel im Jahre 2005.
Nach seiner damaligen Aussage sei er 1985 von Holocaust-Leugnern angesprochen worden. Sein Antwortschreiben an den Holocaust-Leugner sei ein halbes Jahr später in einer Neonazi-Zeitschrift veröffentlicht worden. Spiegel: „Gröning kann sich nicht mehr verstecken. Er rennt nach vorn, er sieht eine Chance. Er kann seine Vergangenheit einsetzen, als wäre sie eine Wertmarke. Er könnte zum Kronzeugen gegen die Auschwitz-Lüge werden. Er sieht einen Auftrag, eine Mission. Und mildernde Umstände vielleicht.“
Das hat er jetzt davon.

Er selbst hat nicht unmittelbar an Mordaktionen teilgenommen. „Prozesse wie der in Lüneburg gegen Gröning beruhen auf einer veränderten rechtlichen Bewertung des Straftatbestands der Beihilfe zum Mord.“ schreibt die FAZ. Es „bedürfe der eherne Grundsatz im deutschen Strafverfahrensrecht, dass eine konkrete Tat ermittelt werden müsse, in dem speziellen Fall der industriell durchgeführten Massentötung der Nazis einer Anpassung. Todesfabriken wie Sobibor seien eine einzigartige Situation gewesen. Deshalb sei er zu dem Schluss gekommen, „dass ich so einen Einzeltatnachweis in einer solchen Einrichtung nicht zu führen habe“., so ein ehemaliger Staatsanwalt als Sachverständiger im Demjanjuk-Verfahren.

Andere wiederum behaupten, daß diese Art von Anklagen nur zustandekommen, damit die Staatsanwälte nicht ihre schöne Stelle bei der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ verlieren. Da muß eben jeder vor Gericht, dessen Herz noch schlägt. Eine böse Unterstellung. Aber deshalb muß sie noch nicht falsch sein.
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Diese „veränderte rechtliche Bewertung“ ist erstinstanzlich auch im Prozeß gegen John Demjanjuk (2009-2011) vom Gericht bestätigt worden. Damit ist aber noch nicht klar, ob der Bundesgerichtshof diese Rechtsprechnung übernommen hätte. Demjanjuk ist aber verstorben, bevor der BGH sich damit befassen konnte.

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Aber kann es wirklich sinnvoll sein, den Kreis der Täter auf alle auszuweiten, die z.B. in Ausschwitz mitwirkten?
Was ist mit dem polnischen Dachdecker, der im Lager Reparaturen ausgeführt hat?

Oder dem Bäcker, der Brot geliefert hat?
Was ist mit den Angehörigen des „Sonderkommandos“?
Und nach der gleichen Logik könnte man dann noch den Arbeiter vor Gericht stellen, der die Lok für den Transport der Gefangenen nach Auschwitz zusammengeschraubt hat.
Dann hätte der von der Fachwelt verlachte Daniel Goldhagen mit seinen kruden Thesen doch recht.
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Auffällig ist, daß die Angeklagten immer ein deutsche Uniform getragen haben.

Aber in den Lagern herrschte eine Art von Häftlingsselbstverwaltung. Es gab eine ganze Häftlingshierarchie, die die alltägliche Organisation der Lager übernahm. Die Funktionshäftlinge, die „Kapos“, waren wegen ihrer Machtfülle von den Mitinsassen z.T. gefürchtet und etliche von ihnen wurden bei der Befreiung der Lager wegen vorher begangener Grausamkeiten auch direkt von den Mitgefangenen gelyncht.
Diese Funktionshäftlinge sollen auch zum erbärmlichen Zustand in den Lagern beigetragen haben, z.B. in dem sie die Essensrationen, deren Verteilung ihnen oblag, zum Teil unter sich aufteilten, so daß den „einfachen“ Insassen nicht genug Nahrung zum Überleben blieb. Der Mensch scheint in solchen Situationen allgemein zum Tier zu werden.

Aber was würde das noch nützen, nach 70 Jahren einen Kapo vor Gericht zu stellen?

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Die Bundesregierung hat auf Druck von bestimmten Seiten die Verjährung für Mord immer wieder verlängert, zum Schluß ganz abgeschafft.
Aber nach 70 Jahren macht solch ein Prozeß – egal bei wem – keinen Sinn mehr.

2 Kommentare leave one →
  1. Arkturus permalink
    21. April 2015 14:59

    Hat dies auf Oberhessische Nachrichten rebloggt.

  2. 25. April 2015 16:13

    Keiner hat bereut, hat Hannah Arendt gesagt. Das war
    1964. Und jetzt steht einer
    in Lüneburg vor Gericht
    und spricht von „Demut“
    und „Reue“. Ein früherer
    SS-Mann aus Auschwitz
    sagt den Satz, der noch nie
    aus dem Mund eines solchen Täters zu hören war:
    „Ich bitte um Vergebung.“

    Nach so langer Zeit wird
    der Abgrund der deutschen
    Schuld ausgeleuchtet: Wenn dieser eine Mann Reue zeigt,
    hätten die anderen Reue zeigen können.
    Die Täter waren keine Maschinen, sondern Menschen.

    Sie besaßen die Fähigkeit zur Moral. Aber sie wollten davon nichts wissen: „Reue hat gar keinen Zweck, Reue ist etwas für kleine Kinder“, sagte Adolf Eichmann in seinem Prozess in Jerusalem.
    Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning aber will sich
    von der Schuld erlösen. Für die Beichte gibt es mehrere
    Voraussetzungen: Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Sündenbekenntnis und Buße. Dabei ist der in der
    Anklage erhobene Tatvorwurf ungeheuerlich. Er sprengt
    das starre Gehäuse der Rechtssprache. Beihilfe zum Mord
    in 300000 Fällen. Die juristische Formulierung ist alltäglich, das Verbrechen unermesslich.
    Um juristische Aufarbeitung geht es in diesem Prozess
    nicht mehr. Da hat die deutsche Justiz nach dem Krieg
    gründlich versagt. Es geht um Befreiung durch Bekenntnis. Schon vor zehn Jahren veröffentlichte der SPIEGEL
    ein Porträt über diesen Mann, der zwei Jahre lang im
    Konzentrationslager Auschwitz seinen Dienst an der Unmenschlichkeit versehen hatte. Gröning sagte schon damals: „Das jüdische Volk bitte ich um Verzeihung. Und
    den Herrgott bitte ich um Vergebung.“
    Wie haben es die anderen gehalten? Die Täter, Mittäter
    und Massenmörder, die Weggucker und Wegducker? So
    wie jener berüchtigte Hans Globke, Adenauers Kanzleramtschef, der nachher sagte, er habe nie einen Eid auf
    Hitler geleistet, weil er bei der Eidesleistung „in einer Nische“ gestanden habe. Viele Deutsche wollten in einer Nische gestanden haben und folgten Adenauers Rat: „Vergangenes vergangen sein lassen.“
    Es gibt die falsche Reue, die zum Ritual verkommt. Ertappte Politiker üben sich darin. Es gibt den Sündenstolz,
    der in der Schuld eine verdrehte Größe sucht. Aber echte
    Reue ist etwas anderes. Kierkegaard sagt: „Sie will sich
    nicht sehen lassen, am wenigsten vom Publikum.“ Und er
    nennt sie den „bittersten Seelenschmerz“.

    Oskar Gröning hat die Geschichte von der Rampe in
    Auschwitz erzählt: „Ich sah, wie ein anderer SS-Mann
    das Baby an den Beinen packte. Das Geschrei hatte ihn
    gestört. Er schleuderte das Baby mit dem Kopf gegen
    die Eisenstangen eines Lkw, bis es ruhig war.“ Wenn einer dabei ist und überlebt, wo der andere getötet wird,
    so hat Karl Jaspers geschrieben, „so ist in mir eine Stimme, durch die ich weiß: dass ich noch lebe, ist meine
    Schuld“.
    An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.

    (ist der Spiegel von heute)

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