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Brief einer Breslauer Frau

8. Mai 2015

Striegau, den 29. Januar 1945

Liebe Mutter

Ich schreibe Dir nun von hier und hoffe, daß Dich dieser Brief trotz allem, was. jetzt geschieht, noch erreicht. Ich liege hier in einem Behelfskrankenhaus auf dem Flur und muß morgen weiter, weil alles überfüllt ist und die Russen auch hierhin kommen. Ich will dann sehen, ob ich bis zu Euch kommen kann. Bitte, erschrick nicht, liebe Mutter, aber ich bringe Gabi nicht mit, und ich habe einen erfrorenen Arm. Ich hätte sonst Gabi vielleicht noch weiter getragen. Aber sie hätte auch hier keinen Sarg bekommen, denn Särge gibt es ja kaum noch, und sie wäre auch hier nur schnell begraben worden.
Ich konnte sie nicht mehr weit tragen, als sie tot war. Ich konnte es nicht mehr aushalten und habe sie gut eingewickelt und an der Straße hinter Kanth tief in den Schnee gelegt. Da war Gabi nicht allein, denn mit mir waren ein paar tausend Frauen mit ihren Kindern unterwegs, und sie legten auch die Gestorbenen in den Graben, weil dort bestimmt keine Wagen und keine Autos fahren und ihnen noch ein Leid antun können. Gabi war auf einmal tot. Ich hatte sie bestimmt gut eingewickelt in zwei Decken. Aber sie war ja erst vier Monate alt, und Kinder von zwei und drei Jahren sind unterwegs gestorben. Es war so schrecklich kalt und es stürmte so eisig, und es fiel Schnee und es gab nichts Warmes, keine Milch und nichts. Ich habe noch versucht, Gabi hinter einem Haus die Brust zu geben, aber sie nahm sie nicht, weil alles so kalt war. Das haben viele Frauen versucht, und manche haben sich die Brüste erfroren. Das muß ganz furchtbar sein, und es eitert. Viele haben sich auch eine Lungenentzündung geholt. Ein paar liegen hier und phantasieren von Breslau und von den Männern und den Kindern. Hier liegt eine Frau aus der Brandenburger Straße. Die hat alle drei Kinder verloren.
Es war schlimm und ich möchte nicht noch einmal in meinem Leben diesen Weg gehen. Wir sind am 20. Januar am Nachmittag, als es schon fast dunkel war, aufgebrochen. In der Nacht vorher mußte Rudolf ganz plötzlich weg. Sie holten mitten in der Nacht alle Männer zum Volkssturm. Aber ich habe ihm noch versprechen müssen, mit Gabi zu Euch zu fahren und nicht in Breslau zu bleiben wegen der Russen und allem, was sie uns Frauen antun. Er sagte, er wird nie darüber hinwegkommen, wenn mir so etwas geschieht.
Sonst wäre ich vielleicht nicht aus Breslau weggegangen, als es nachmittags hieß, alle Frauen mit Kindern sollen sofort zu Fuß aus der Stadt marschieren. Es gibt keine andere Rettung mehr. Es war um drei Uhr nachmittags, und der Himmel war grau. Ich hatte keinen Schlitten und konnte mir auch keinen leihen, weil alle ihre Schlitten selber brauchten. So habe ich nur Gabi genommen und die Decken und einen Rucksack und die nötigsten Sachen für uns und Trockenmilch und die Flasche, weil ich dachte, irgendwo könnte ich sie schon warm machen. Denn ich dachte, die NSV hätte gesorgt und würde uns nicht ganz so hilflos ziehen lassen. Als wir auf die. Straße kamen, gingen schon überall Frauen mit Schlitten und Kinderwagen, und es war schlimm, daß wir keinen Kinderwagen mehr bekommen hatten. Aber viele haben später die Wagen  zurücklassen müssen, weil sie damit nicht durch den Schnee kamen.
Es wurden immer mehr Frauen, die unterwegs in die Vorstädte im Westen waren. Wir schlössen uns hier und da zusammen, weil wir uns vielleicht gegenseitig helfen konnten und die eine Trost bei der anderen suchte. Es war dann schon dunkel. Aber es fuhren immer noch Autos von der Partei mit Lautsprechern herum. Sie riefen noch, daß die Frauen die Stadt verlassen sollten. Es war unheimlich und traurig. Wir hatten Angst, und viele Kinder weinten. Gabi war ganz still. Wir sind dann durch die Gräbschener Vorstadt gelaufen auf die Straße nach Kanth. Viele Frauen fielen hier auf dem glatten Schnee und blieben zurück. Auf der Landstraße lag der Schnee manchmal hoch. Und man sah nur Frauen und Kinder und Autos, die vorbeikamen. Manche hielten an und nahmen Frauen mit. Aber ich hatte nicht das Glück.
Es fing bald wieder an zu schneien. Und die Frauen, die ihre Kinder im Arm trugen und außerdem noch Betten und kleine Koffer bei sich hatten, fingen an, Gepäck wegzuwerfen, weil sie es nicht mehr tragen konnten. Auch mein Arm hat da schon angefangen mit dem Frost. So sind wir viele Stunden bis Kanth gelaufen. Oft ganz langsam und Schritt für Schritt. Und da lagen die ersten toten Kinder in den Gräben und auf dem Marktplatz in dem Ort. Und vor vielen Häusern saßen Frauen mitten im Schnee, die sich ausruhen wollten. Ich habe auch an ein paar Häuser geklopft, weil ich dachte, ich würde jemand finden, der mich Milch für Gabi heiß machen läßt. Aber ich hatte kein Glück. Ein paar Frauen hatten Glück. Bei mir blieb alles dunkel, und es rührte sich niemand. Da habe ich auch einen Augenblick im Schnee gesessen. Dabei konnte ich sehen, wieviel Frauen unterwegs waren. Es waren viele, viele Tausend, und der Zug nahm kein Ende. Sie ließen immer mehr Sachen zurück, weil sie sonst nicht mehr weiter konnten. Nach einer halben Stunde bin ich dann weiter gegangen bis zum nächsten Ort. Da habe ich wieder versucht, in ein Haus zu kommen. Aber nur die Hunde kläfften. So ging es immer weiter. Und ich habe die Bäume an der Chaussee gezählt und mich von Baum zum Baum geschleppt. Weggeworfene Sachen lagen jetzt einfach mitten auf der Straße. Und Frauen saßen auf ihrem Schlitten und wollten sich ausruhen. Aber die Kälte trieb sie immer weiter, bis auf die, die einfach sitzen blieben und vielleicht mit ihren Kindern erfroren sind. Ich habe viele gesehen, die dasaßen mit dem Rücken an einem Baum, und manchmal standen größere Kinder daneben und weinten. Mutterliebe ist sicher die größte Liebe. Aber wie groß alle Liebe sein mag, wir sind doch nur schwache Geschöpfe.
Als es anfing, hell zu werden, waren wir schon nahe bei Kanth. Gabi hatte jetzt ein paar Stunden geweint, aber was sollte ich denn tun? Ich bin noch in ein paar Dörfern gewesen. Wir haben geklopft und geklopft und geschrieen. Wieder sind welche von uns eingelassen worden. Viele Frauen haben vor Wut mit Schneebällen die Fenster eingeworfen. Aber das half uns nichts. Die Strafe werden sie für ihre Hartherzigkeit noch bekommen. Dann habe ich versucht, Gabi die Brust zu geben. Aber sie nahm sie nicht. Und die Milch in der Flasche war wie Eis, obwohl ich sie in der Decke fest an mich gedrückt hatte. Ich habe vor Elend immer vor mich hingeweint, und ein paarmal war ich auch so weit, daß ich mich am liebsten einfach in den Schnee gelegt hätte, um zu sterben. Aber dann habe ich an Rudolf gedacht und an Euch. Und mein Arm wurde immer steifer und ohne Halt. So wurde es heller und heller. Und ich sah wieder tote Kinder. Vielleicht haben manche sogar lebende Kinder zurückgelassen, um sich zu retten. Wir alle torkelten ja nur so dahin. Es wehte immer noch ganz kalt, und meine Füße fühlte ich überhaupt nicht mehr. Da kam ich zu einem Dominium, und da wohnten endlich Menschen, denn sie hatten alle Räume aufgemacht, und wenigstens ein Teil von uns konnte sich wärmen, und es wurde Milch gekocht für die Kinder. Aber als ich Gabi auspackte und mich freute, daß ich ihr nun etwas zu trinken geben konnte, da war sie ganz still, und die Frau neben mir sagte, ‚die ist ja tot‘.
Ich weiß nicht, was ich noch schreiben soll, liebe Mutter, aber es ist jetzt alles so anders, wie es früher einmal war, auch mit dem Traurigsein. Ich konnte über Gabi nicht mehr weinen. Aber ich wollte sie auch nicht zurücklassen. Ich bin mir ihr losgelaufen. Man tut so viel Unsinn in solchen Augenblicken. Mein Arm wollte dann nicht mehr. Ich habe es mit dem anderen Arm versucht. Aber mit dem ging es dann auch nicht mehr. Und da ist es dann geschehen. Ich bin noch zu Fuß bis Kanth gelaufen. Und da habe ich dann endlich ein Auto gefunden und ein paar Soldaten, die Mitleid hatten. Manche Frauen, die hier liegen, sind bis hierher gelaufen.
Seid mir nicht bös, liebe Mutter, wegen Gabi, sondern denkt, ihr wärt so über die Straße gezogen und durch den Schnee. Vielleicht versteht Ihr es, und vielleicht versteht Rudolf es auch, wenn er noch einmal aus Breslau herauskommt und wir uns noch einmal wiedersehen.

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15 Kommentare leave one →
  1. 10. Mai 2015 05:16

    Hat dies auf kantodeaschrift rebloggt.

  2. 13. Mai 2015 16:39

    Hat dies auf Die Killerbiene sagt… rebloggt und kommentierte:
    Eigentlich wollte ich zu dem Thema „8.Mai“ nichts mehr schreiben, aber dieser Brief ist so beeindruckend, daß ich ihn dennoch veröffentliche.

    In einem normalen Land würden die Kinder in der Schule so etwas lesen, damit sie nie vergessen, was wirklich passiert ist.

    Aber wer keinen Mut hat, die Wahrheit zu verteidigen, der muss dann eben mit den Konsequenzen der Lüge leben und sich auf ewig vor seinen Peinigern in den Dreck werfen…

  3. 13. Mai 2015 16:41

    Ich zweifele die Authentizität dieses Briefes nicht an, aber eine Quellenangabe für die „Ungläubigen“ wäre schön.

    • 13. Mai 2015 18:22

      Gefunden bei
      Heinz Roth, Was geschah nach 1945, Teil 1 Der Zusammenbruch
      und er gibt als Quelle an:
      Jürgen Thorwald, Es begann an der Weichsel
      Gruß
      Julius

    • Chronos permalink
      14. Mai 2015 01:21

      In Ergänzung zur Antwort von Julius:

      Der Brief stammt von Erika Hanisch aus dem Buch „So gingen wir fort „, erschienen im Lebmanns-Verlag, München.

      Nach freundlicher Genehmigung durch den Verlag ist er auch als pdf-Dokument unter http://www.hohmannweb.de/schlesien/downloads/Gabi%20bringe%20ich%20nicht%20mit.pdf zu finden.

      Der Text wurde erstmals in der Mitgliederzeitschrift „Kriegsgräberfürsorge“ im Heft 4/1970, ferner im Jahr 1999 im Buch „Erzählen ist Erinnern“ als Band 1 der allgemeinen Volksbund-Buchreihe veröffentlicht.

  4. 13. Mai 2015 17:26

    Hat dies auf lotharhschulte rebloggt.

  5. 13. Mai 2015 19:40

    Schon die Art und Weise wie der Brief geschrieben wurde lässt keinerlei Zweifel an seiner Authentizität aufkommen. Man kann sich gar nicht vorstellen, welch grauenvolle Zeit das gewesen sein muss.

  6. 13. Mai 2015 21:57

    Hat dies auf wvogt2014 rebloggt und kommentierte:
    Erstaunlich, was die „guten“ so alles menschlich angestellt haben. Mir erzählt niemand mehr etwas über unsere bösen Eltern und Großeltern, aber auch entsetzlich ist die unterlassene Hilfeleistung der „Volksgenossen“, zum kotzen!

  7. Frank permalink
    14. Mai 2015 00:54

    …und dann gibt es Wesen die das „gut heißen“. Mit Sprüchen wie „Do it again, Bomber Harris“ und „Tot allen Deutschen“ , verherrlichen diese Subjekte auch noch den MORD an Kindern und Frauen, sowie alten Männern. Pfui Teufel! Ich bin ausdrücklich NICHT für die Todesstrafe, weil ich dem Dreckstaat diese Waffe nicht in die Hand geben will, aber bei diesen Drecksschweinen würde ICH sogar den Henker spielen. Gott verzeih mir meinen Wutausbruch

  8. P a u s e r, Enrico permalink
    14. Mai 2015 20:46

    Ich habe schon viele Zeitzeugenberichte gelesen und auch hier, ist mir mein Blut in den Adern gefroren 😦

  9. Waffenstudent permalink
    15. Mai 2015 19:06

    Deutsche Kriegskinder sind nur lästige Blagen – Beitrag Zum 8. Mai

    PROLOG:

    Heute traf ich nochmal mein Kinderverwarmädchen. Dabei erklärte es mir ausführlich wie seine Augenfehlstellung zustande kam. Dieses Schielen stellte sich bereits im Vorschulalter spontan ein, als es 1945 aus sicherer Nähe den ersten Bombenangriff im Siegerland erlebte. Und es, die inzwischen fast achtzigjährige Frau, betonte, daß sich ihre Lebenseinstellung seit dem Tag des Terrorangriffes nie mehr richtig aufgehellt habe. Danach war das Massensterben für sie fast immer allgegenwärtig.

    LUISE BERICHTET:

    Hallo NN,

    Du hast ja echt einiges hinter Dir, was Deine Eltern betrifft. Da bin ich echt froh, dass es bei uns “stinknormal” zuging: Mama, Papa, Geschwister, alle waren da, alsich als Jüngste auf die Welt kam, und alles war so, wie es aussah. Allerdings hätte es die Familie fast nicht gegeben, da mein Vater 1945 im März Dank des GröFaZals Kanonenfutter am Plattensee um ein Haar umgekommen wäre. Ihm musste das rechte Bein oberhalb des Knies wg. einer schweren Entzündung amputiert werden, da es zu der Zeit keine Medikamente und kein gar nichts mehr gab. Er lag u.a. in Österreich im Lazarett und erlebte dort Quasi-Folter, da in den Krankensälen mit Schwerverletzten den ganzen Tag volles Rohr Marschmusik abgespielt wurde. Und die Österreicher, die vorher gerne sagten “Mir saan auch Deutsche” wollten nachher nichts mehr mit uns zu tun haben. Mein Vater hat sich sein Leben lang geweigert, noch einmal nach Österreich zu fahren.

    Mein Vater verstarb leider bereits im März 2005. Aber danke für Deine Grüße, die wüsste er sicher zu schätzen. Er war bis zum Schluss nicht dement, aber körperlich einfach fertig mit der Welt. Als er damals amputiert aus dem Krieg nach Hause kam musste er den Klemptner-/Elektrobetrieb des Vaters übernehmen, da der ältere Bruder und der Vater im Krieg gefallen waren. Eigentlich wäre er lieber Steuerberater oder ähnliches geworden, aber danach fragte keiner. Wie man mit einer damaligen (!) Beinprothese eine Leiter hochklettern kann, das war mir immer ein Rätsel. Einmal ist er wirklich tief gefallen, aber am nächsten Tag stand er wieder in der Werkstatt, da mehrere Parteien (auch die der Gesellen und Lehrlinge) daran hingen.

    DEUTSCHES KINDHEITSTRAUMA – VON MIR ÜBERARBEITETER DIALOG AUS LUPO CATTIVO:

    Markiko sagte

    Ich bin mir nicht ganz sicher, aber meine Eltern haben ihren Mund ja auch nie aufgemacht und sie waren als junge Menschen dabei. Mein Vater stand mit 17 vor Hitler bevor er nach Russland geschickt wurde und meine Mutter war wohl (ich weiss es nicht ganz genau in der Kinderlandverschickung), das war bevor die beiden sich kennenlernten. Leider weiss man nix Genaues, ja und leider ist keiner mehr da den man fragen könnte. Beide schon längst nicht mehr auf dieser Welt (aber hoffentlich da wo sie sich nicht mehr so schinden müssen). Jetzt ist mir gerade eingefallen, wo wir schon mal beim Thema sind:

    Mein Vater ist April 1925 geboren, März 1980 verstorben, also knapp 55 Jahre alt. Nach der Beerdigung hab ich meine Mutter auf einen geplanten Urlaub mitgenommen. Dort, als sie etwas zur Ruhe kam erzählte sie mir folgendes: Mein Vater, sein Name war Werner, stand mit (nun gut ich weiss es nicht genau ob er 16 oder) 17 Jahre alt war in Berlin auf irgendeinem Platz in der Stadt. Parade, Hitler ist mit seiner Entourage im Anmarsch, die Jungs stehen Spalier, der Führer begrüsst jeden persönlich und fragt nach der Familie, Werner wurde vom Führer befragt “Na Junge, haste denn auch Geschwister?). “Ja Führer noch vier Brüder.” “Na dann machs mal gut Junge und komm heil wieder nach Haus”.

    Soweit war es wohl mehr oder weniger original abgelaufen. Viel später, als Hitler verteufelt wurde, mein Vater aus Russland nach endlosen Jahren zurück war, schwer verwundet, ein Auge verloren, seinen besten Freund verloren hatte und sicher noch vieles mehr was ich nicht weiss und wohl auch nie mehr in Erfahrung bringen werde, erzählte mir meine Mutter eben kurz nach seiner Beerdigung, dass er viel später danach, also nach der Begegnung mit Hitler gesagt hatte: “Ja, aber warum hat mir das denn keiner gesagt, ich hätte ihn doch abknallen können, ich hatte doch eine Waffe im Halfter, er stand doch direkt vor mir.”

    Nur eine Episode, eigentlich die einzige die ich kenne von meinem Vater. Frage an mich: Was soll ich nach den neuesten Erkenntnissen und dem neuesten Wissen davon halten? Ich denke mal, gut dass er damals nicht so gedacht hat wie nach dem Krieg gedacht wurde, sonst hätte er garantiert das Falsche getan.

    Ich bin ja dann später geboren und musste als kleines Mädel seine Traumata aushalten, aber er war schon ein armer Kerl, den Rest seines Lebens Alkoholiker, die Kinder geschlagen (wir sind 5, die anderen haben alles abgekriegt, ich weniger die Schläge, aber seine Weinkrämpfe und seelischen Erschütterungen. Ist schon schlimm als kleines Mädchen oder Jugendliche seine Ausraster mitzukriegen). Aber iich beschwere mich nicht, er war einfach ein armer Kerl und ist viel zu früh dann an Krebs verstorben. Ich bin heute schon älter als er damals war. Damit solls auch gut sein.

    Er hat zwar gaanz viel gequalmt, den ersten Tumor fand man hinterm Ohr, der wurde rausoperiert, danach halbseitig gelähmt. Danach Tumor hinter dem anderen Ohr und dann hiess es, operieren geht nicht mehr, weil wäre komplett gelähmt gewesen und es hätte nichts mehr gebracht. Mein Vater war ein grosser stattlicher Mann, hat sein Leben lang schwer malocht. Was ich lange nicht wusste: er musste mit seinen Eltern und Brüdern aus Pommern flüchten, von der Ostsee, der Ort hiess Palzwitz, mit Pferd und Wagen, Bauernhof verlasssen und immer gen Westen zu Fuss laufen bis nach NRW. Zum Schluss war er austherapiert, konnte nach Hause gehen, meiner Mutter hatte man eine Ampulle Morphium in die Hand gedrückt, sie musste dann sehen wie, wann und wieviel sie ihm gestattet zu verabreichen. Letztendlich war er nur noch ein klapperiges Gerippe und ist elendig verreckt, kurz vor seinem 55. Geburtstag. Ich hab ihn noch mal gesehen, als er im Sarg lag – er sah aus wie mindestens 100 Jahre alt. Jetzt muss ich fast schon wieder weinen, ein trauriges Leben. Am 29.3. ist er schon 33 Jahre nicht mehr unter uns.

    Auf der Flucht hat sein jüngster Bruder Selbstmord begangen. Das hab ich erst vor 2 Jahren erfahren. Der Bruder, den ich nicht kannte, natürlich nicht, hiess Fritz. Ab dann wollte mein Vater immer Fritz genannt werden von Freunden und Bekannten. Erst vor kurzem habe ich also verstanden warum und woher immer dieser Fritz kam.

    MEINE ANTWORT:

    @ Markiko

    Beim Lesen Deiner Zeilen war sie wieder da, unsere chaotische Nachkriegskindheit. Wer die nicht verinnerlicht hat, der kann die Generation der 1920-iger deutschen Eltern überhaupt nicht verstehen. Meine jüngeren Verwandten jedenfalls, die wissen nur eines, und das wissen sie täglich um so besser, nämlich daß der alte Vater ein Unmensch ist.

    Spontan erinnere ich an die Vereinsvermögen, welche bei der Gleichschaltung der Vereine mit der HJ vor den Nazis in Sicherheit gebracht wurde. Bei uns hatte der CVJM ein wunderbares Vereinsgelände, das ein frommer Christ seiner evangelischen Kirche für einen Gotteslohn abkaufte, um es nach dem Ende der NS-Zeit brav an den CVJM zurück zu übertragen. Leider konnte sich der religiöse Eiferer aus der Vorkriegszeit nach 1945 überhaupt nicht mehr an diese Abmachung erinnern. Daher wartete er, bis aus dem großen Gelände Bauland wurde und mutierte dann zu den neuen Kriegsgewinnlern. Mein eigener Turnverein verlor so den Jahnplatz, eine Wettkampfstätte vom Allerfeinsten. Und fast überall ging auf solch schäbige Weise das ehemalige genossenschaftliche Vereinsvermögen in die Hände von modernen Finanzoptimierern über.

    Ebenso läßt mich die Erinnerung an das massenhafte Rückgratbrechen unserer väterlichen Vorbilder aus der Kriegszeit nicht los. Da mußten aufrechte Männer je nach ehemaliger Glaubenszugehörigkeit sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche sonntags öffentlich vor der versammelten sogenannten Kirchengemeinde erscheinen und vom Nationalsozialismus abschwören, bevor sie erneut ihre angestammte Arbeitsstelle aus der Vorkriegszeit antreten durften. Widerstanden oder seelisch verkraftet haben das nur wenige. Gut, die Post-45-er-Polizei achtete damals streng auf Einhaltung der neuen Besatzungsregeln. Schließlich saß die Mehrheit dieser Besatzungsknechte bis zum Einrücken der Alliierten selbst im Gefängnis, weil sie offiziell von der deutschen Justiz dazu verurteilt worden war. Als aber die feindlichen Truppen auch die Gefängnisse einnahmen, sperrten diese einfach die davor entwaffnet wartenden rechtmäßigen Polizisten ein und ernannten die entlassenen Kriminellen zur neuen Ordnungsmacht.

    Dann waren da die Selbstmorde. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, in welcher Häufigkeit die begangen wurden. In unserem Nachbarhaus hing sich um 1950 ein Vater mit seinen beiden kleinen Töchtern auf. Der Gymnasiallehrer für Geschichte beendete sein Leben mit Zyankali. An der abgelegenen Flußaue fand man bis Mitte der Fünfziger regelmäßig erhängte Männer. Ein Verwandter, 14/18 hochdekoriert wählte 51 den Freitod im Stauwehr. Dann gab es die vielen, welche den berühmten Gashahn aufdrehten. Bei diesen und vielen sogenannten Arbeitsunfällen wurde der eigentliche Selbstmord gerne verschleiert. Ich kann mich nochlebhaft daran erinnern, daß meine Mutter sich zusammen mit mir von einer Staumauer stürzen wollte.

    Melde, ach ja, die wuchs bei uns auch im Garten, und man machte daraus ein Gemüse, welches dem Spinat ähnelte. Ich kriegte das Zeug aber nie runter, weil ich alsKleinkind gezwungenermaßen einem Gespräch unter entlassenen deutschen Kriegsgefangenen zuhören mußte. Und dabei berichtete einer, daß in ihrem Gefangenenlager Berge von Melde lagerten, auf denen man tagelang die erschossenen und gehängten sogenannten deutschen Kriegsverbrecher zwischenlagerte. Die Gefangenen wurden möglichst oft an dieser Konstellation vorbei geführt, vor allem dann, wenn sie zur Essensausgabe mußten. Und zu essen gab es täglich nur gekochte Melde. Diese Erzählung ging mir nie aus dem Kopf. Erst sechzig Jahre später erfuhr ich, daß es sich hierbei nicht um das Erlebnis eines einzelnen deutschen Landsers handelte, Es gibt sogar ein Buch, indem von der besagten Melde die rede ist. Das Ereignis trug sich zu im Kriegsgefangenenlager “Auf den Rheinwiesen” Und das Buch heißt: “Mensch auf den Acker gesät’

    Zum täglichen Mangel kamen die Kriegsschäden, die es zu beseitigen galt. Ich erinnere mich noch an Hundertschaften von deutschen Männern, die ehemalige Kampfgebiete mit dem Spaten umgraben mußten, um nach Menschenresten und Munitionsresten zu suchen. Die halbverwesten Menschenteile kamen auf einen Haufen und das gefundene Metall auf einen anderen Haufen. Hieronymus Bosch hätte hier allerbeste Motive vorgefunden. Trotz derartiger frühen Kindheitserfahrungen kam ich von einem Besuch im zertrümmerten Köln völlig verstört zurück.

    Der 1888 geborene Großvater kämpfte 14/18 und 39/45 im Westen wie im Osten. Als SA-Mann gelang es ihm, zunächst seine Gefangennahme zu verhindern. Er schaffte es, sich bis in die französische Zone durchzuschlagen. Als seine buckelige Verwandtschaft davon hörte, sorgte der mit ihm verwandte Pastor dafür, daß man ihm in Dietz an der Lahn seinen preußischen Ungeist aus dem Balg prügelte. Seine Abwesenheit nutze seine Scheinheiligkeit aus der nahen Klosterkirche dann dazu, allen im Dorf zu erzählen, daß der Heimkehrer in Polen die allergrößten Verbrechen begangen habe. Seine im Sterben liegende Schwiegermutter knickte ein und vermachte dem Kloster nach langem Abwerkampf die besten Ackerflächen. Daraufhin mutierten Ehefrau und Kinder zum Vaterhasser aber vor allem zum Deutschlandhasser. Als der Herr mit gebrochenem Rückgrat in Dietz entlassen wurde, empfing ihn seine Familie wie eine Partisanenbande. Er hatte praktisch hinfort nichts mehr zu sagen. Und wenn er doch mal seinen Willen durchsetzen wollte, dann drohte sein eigenes Fleisch und Blut damit, ihn beim Franzmann für die angeblichen Untaten in Polen anzuzeigen, von denen der Pfaffe zuvor großmäulig phantasiert hatte. Natürlich durfte er nicht in seinen Beruf an der Post zurück, wo er bis zur Kapitulation eine leitende Funktion bekleidet hatte. Jetzt sollte er die Trümmern der zerstörten Bahn beseitigen. Ich weiß, daß er mehrmals den Anlauf machte einige Widersacher ins Grab zu befördern. Die dazu passenden Mordinstrumente hat er mir mehrfach gezeigt. Aber irgendwann war ihm alles gleichgültig.

    Als 1950 die ersten Flüchtlinge aus dem Osten kamen und ich mich mit deren meist völlig verstörten Kindern anfreundete, drohte auch ich seelisch zu vergehen. Bis dahin hatten wir nur Flüchtlinge aus Elsaß-Lothringen. Die gab es wirklich, auch wenn das heute niemand mehr wahrhaben will. Wenn ich abends einschlief, hatte ich immer das Gefühl, daß ich zusammen mit den Ostflüchtlingskinder im Fegefeuer auf den Teufel warten würde. Damals habe ich beschlossen einfach schon mal zu sterben. Auf jeden Fall wollte ich mich vor der Unsicherheit befreien und klar Stellung beziehen: Das heißt ich wechselte innerlich auf die Seite der Besiegten, um dort meinen klitzekleinen kindlichen Abwehrkampf zu beginnen. Ich erklärte mich einfach selbst für zum Tode verurteilt und hatte seit dem auch keine Angst mehr vor dem Sterben. Gut, dem Tod begegnete man damals im Alltag fast täglich. Auch im Kino wurden minutenlang Erschießungen und Erhängungen von Deutschen durch die Alliierten gezeigt. Dorthin schleppten die Erwachsenen damals Kleinkinder, nichtsahnend welche Schäden solch ein Kinobesuch verursachen würde. Ganz selbstverständlich wurde im Alltag hauptsächlich und andauernd von unterschiedlichen kriegerischen Grausamkeiten gesprochen, so daß mich eigentlich kaum noch etwas erschüttern konnte als Klassenkameraden Weinkrämpfe bekamen, wenn sie von den Schrecken des Krieges hörten

    Aber heute, werte Marikiko, ist das alles gar nicht mehr wahr. Es interessiert sich auch niemand für Deine und meine Geschichte, und die wenigen, die mich verstehen wollen, die glauben mir nicht. Selbst die jüngeren Geschwister halten mich für einen Phantasten und den Vater und Opa für Unmenschen. Wie gut, daß ich eigentlich schon lange tot bin!
    Antwort

  10. Anne permalink
    16. Mai 2015 13:13

    @Waffenstudent

    Du irrst wenn du glaubst das es niemanden interessiert.Ich habe schon öfter deine Kommentare gelesen auch bei Lupo und hier ist mir gerade ein Lichlein aufgegangen. Gehe ich recht in der Annahme, dass du ein Siegerländer Junge bist (meine Heimat) u.vieleicht sogar
    aus Wdn…. kommst? Denn bei dem Namen Jahnsportplatz hat’s klick gemacht,denn dort bin ich als Kind oft gewesen.
    Freue mich wenn du dich meldest!

  11. Senatssekretär FREISTAAT DANZIG permalink
    27. Mai 2015 06:05

    Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt.

  12. Arkturus permalink
    27. Mai 2015 06:13

    Hat dies auf Oberhessische Nachrichten rebloggt.

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