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Der alte Herr

14. August 2015

»Hören Sie mal! Sie und Ihr Haus gleichen einander. Man könnte sagen, Sie beide sind schon 1000 Jahre hier.«
»Seit 1673 genau«, sagte der alte Herr und lächelte zum ersten Mal.
»Dreihundert Jahre gesichertes Erbe. Widerlich. Ich schaue Sie an und finde Sie tadellos.
Deshalb hasse ich Sie. Und zu Ihnen werde ich morgen die Lumpigsten führen. Diese wissen nicht, wer Sie sind und was Sie darstellen. Für sie hat Ihre Welt keinerlei Bedeutung. Sie werden gar nicht versuchen, dies zu begreifen. Sie werden müde sein, Hunger haben und mit Ihrer schönen Eichentür Feuer machen. Sie werden auf Ihre Terrasse kacken und sich mit den Büchern Ihrer Bibliothek die Hände reinigen. Ihren Wein werden sie ausspucken. Mit ihren Fingern werden sie aus Ihren hübschen Zinntellern essen, die ich an Ihrer Wand sehe. Sie werden auf den Fersen hocken und
zusehen, wie Ihre Sessel brennen. Aus der Goldstickerei Ihrer Decken werden sie sich Schmuck machen. Jeder Gegenstand wird den Sinn verlieren, den Sie dafür haben. Das Schöne wird nicht mehr schön sein, das Nützliche wird lächerlich und das Unnütze absurd werden. Nichts wird mehr einen echten Wert haben mit Ausnahme vielleicht eines in einer Ecke vergessenen Kordelstücks, um das sie sich streiten werden, wer weiß? Alles um Sie herum wird in Stücke gehen. Es wird furchtbar sein. Machen Sie sich aus dem
Staub!«

»Noch eins: Jene werden verständnislos zerstören. Aber Sie?«
»Ich? Weil ich dies alles hasse. Weil das Weltgewissen verlangt, daß man dies alles haßt.
Hauen Sie ab! Ich pfeife auf Sie!«

Der alte Herr ging ins Haus, kam aber gleich wieder zurück mit einem Gewehr in der
Hand.
»Was machen Sie da?« fragte der junge Mann.
»Ich werde Sie wohl töten. Meine Welt wird vielleicht nach morgen früh nicht mehr leben,
daher habe ich die Absicht, die letzten Minuten noch voll auszunutzen. Ich werde in
dieser Nacht, ohne mich vom Fleck zu rühren, ein zweites Leben führen, und ich glaube,
daß es noch schöner als das erste sein wird. Da meinesgleichen abgereist ist, will ich es
allein erleben.«
»Und ich?«
»Sie sind nicht meinesgleichen. Sie sind mein Gegner. Ich will diese kostbare Nacht nicht in Gesellschaft meines Gegners vergeuden. Daher werde ich Sie töten.«
»Sie können das nicht. Ich bin sicher, daß Sie noch nie jemand getötet haben.«
»Das ist wahr. Ich habe immer das friedliche Leben eines Literaturprofessors geführt, der
seinen Beruf liebte. Im Krieg brauchte man mich nicht, und die offenbar unnütze Töterei
bedrückt mich auch physisch. Ich wäre wahrscheinlich ein schlechter Soldat gewesen.
Dennoch glaube ich, daß ich mit Actius zusammen fröhlich einen Hunnen getötet hätte.
Und mit Karl Martell arabisches Fleisch zu durchlöchern hätte mich sehr begeistert,
ebenso mit Gottfried von Bouillon oder mit Balduin dem Aussätzigen. Unter den Mauern
von Byzanz tot an der Seite von Konstantin Dragasès, mein Gott! Wieviel Türken hätte ich
noch umgebracht, bevor ich selbst dran gewesen wäre. Glücklicherweise sterben
Menschen, die den Zweifel nicht kennen, nicht so leicht. Nachdem ich
wiederauferstanden war, habe ich gemeinsam mit Teutonen Slawen erschlagen. Ich trug
das Kreuz auf meinem weißen Mantel und verließ mit dem blutigen Schwert in der Hand
zusammen mit der vorbildlichen kleinen Truppe des Villiers de l‘Isle-Adam die Insel
Rhodos. Als Matrose Johanns von Österreich habe ich mich in Lepanto gerächt. Eine
schöne Schlachterei! Dann hat man mich nicht mehr verwendet. Nur ein paar Lappalien,
die langsam schlecht beurteilt werden. Alles wird so häßlich. Es gibt keine Fanfaren,
keine Standarten und kein Te Deum mehr. Natürlich habe ich niemand getötet. Aber alle
diese Schlachten, mit denen ich mich solidarisch fühle, erlebe ich jetzt mit einem Schlag,
und mit einem einzigen Schuß bin ich die Hauptperson. Da ist er!«
Der junge Mann brach graziös zusammen, glitt am Geländer, an das er sich angelehnt
hatte, hinunter und saß schließlich mit hängenden Armen auf seinen Fersen, in einer
Stellung, die für ihn üblich war. Der rote Fleck auf seiner linken Brustseite wurde etwas
größer, hörte aber dann rasch auf zu bluten. Er starb ganz ordentlich. Ein Sieg nach Art
des Abendlandes, so endgültig wie nutzlos und lächerlich. Im Frieden mit sich selbst
wandte der alte Herr Calguès dem Toten den Rücken zu und kehrte in das Haus zurück.

Das Heerlager der Heiligen→

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One Comment leave one →
  1. 17. August 2015 15:26

    Das Szenario des „Heerlagers“ von Raspail kommt in einem Tempo auf uns zu, das ich mir jedenfalls so nicht vorgestellt habe.

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