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Individuelle Freiheit und Demokratie

11. Mai 2017

Aus Egon Fridells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (ca. 1925):

„In den Schulbüchern wird allerdings zumeist unstillbarer Freiheitsdurst des Volkes als Ursache der großen Umwälzungen angegeben. Dies ist aber sicher von allen falschen Gründen, die man wählen könnte, der falscheste. Das Volk will niemals die Freiheit, erstens, weil es gar keinen Begriff von ihr hält, und zweitens, weil es mit ihr gar nichts anzufangen wüßte.

Und was noch viel wichtiger ist: man vergißt zumeist, daß die sogenannte freiheitlichere
Regierungsform fast immer das einzelne Individuum unfreier macht. Unter dem Absolutismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts war der Bürger zu nahezu vollständiger Nullität verurteilt, hingegen spielte sich sein Privatleben in einer Behaglichkeit, Friedlichkeit und Unbehelligtheit ab, von der wir uns heute kaum mehr einen Begriff machen können; unter der konstitutionellen Monarchie des neunzehnten Jahrhunderts bekam er politische Rechte, aber zugleich die allgemeine Wehrpflicht: diese ist aber ganz zweifellos eine weit größere Sklaverei als irgendein Despotismus der früheren Zeit. Denn es gibt wohl kaum ein empfindlicheres Attentat auf die persönliche Freiheit als die Zumutung, sich drei Jahre lang den Befehlen von Personen zu fügen, die mit dem Verfügungsrecht und den Disziplinarmitteln von Kerkermeistern ausgerüstet sind, und auch während der folgenden Jahre immer wieder einige Wochen lang eine ungewohnte und aufreibende Zwangsarbeit zu leisten. Aber auch die konstitutionelle Monarchie pflegt im Laufe der Dinge noch freieren Staatsformen Platz zu machen: Der Tyrann wird völlig abgeschafft und das Volk herrscht souverän. Dies hat jedoch fast immer zur Folge, daß das Leben, das bisher nur während der Militärzeit Zuchthauscharakter trug, nun in seiner Gänze zwangsläufig wird. Eine freie Volksregierung mischt sich schlechterdings in alles: sie bemißt die Zahl der Quadratmeter, die der Mensch bewohnen, und die Zahl der Bohnenkörner, die er verkochen darf; sie kontrolliert seinen Lichtverbrauch, seinen Stiefelbedarf, seine Fortbewegungsart und, wenn irgend möglich, auch seine Fortpflanzung, sie hat das eingestandene oder uneingestandene Ideal, aus der menschlichen Gesellschaft ein Internat zu machen: den schlagendsten Beweis liefert gerade die Jakobinerherrschaft. Keine Staatsform kann so viele Torheiten und Gewaltsamkeiten begehen wie die demokratische, denn nur sie hat die organische Überzeugung von ihrer Unfehlbarkeit, Heiligkeit und unbedingten Legitimität. Selbst der absoluteste Monarchismus hat hunderterlei Hemmungen: im persönlichen Verantwortlichkeitsbewußtsein des Regenten (das unter der Demokratie immer auf den unfaßbaren „Volkswillen“ abgeschoben wird), in der Hofclique, der Kirche, den Ratgebern und Ministern, der „Nebenregierung“ , die sich unvermeidlich um jeden Potentaten ankristallisiert; zudem wirkt in jedem Einzelherrscher die Furcht vor der theoretisch stets möglichen Absetzung. Aber die Regierung des „souveränen Volks“ ist durch einen perfiden Zirkelschluß vor jeder Selbstbeschränkung geschützt, denn sie ist im Recht, weil sie der Kollektivwille ist, und sie ist der Kollektivwille, weil sie im Recht ist.“

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2 Kommentare leave one →
  1. 11. Mai 2017 13:19

    Ja Julius sehr gut das du diese perverse regierungsform mal blosstellst.

  2. francomacorisano permalink
    11. Mai 2017 21:29

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